Begegnungen mit Dr. Viola Frymann

Bild gross Viola Frymann (18.7.1921 – 23.1.2016)

 

Ein Nachruf von Philippe Druelle DO, DScO.


Meine erste Begegnung mit Dr. Frymann war vor 38 Jahren. Ich war zu diesem Zeitpunkt Student im dritten Jahr der Osteopathieausbildung in Paris. Dr. Frymann war nach Orsay gekommen, um ein Seminar für die französischen Osteopathen zu geben. Ich hatte mich heimlich in den Unterrichtsaal eingeschlichen und gehofft, dass meine Lehrer mich nicht entdecken, da dieser Kurs eigentlich für diplomierte Osteopathen bestimmt war. Für eine Präsentation suchte Dr. Frymann einen Freiwilligen, der mit ihr zusammen demonstrieren sollte, wie man den Antriebsmechanismus der MRP-Bewegung palpiert. Bevor auch nur jemand die Hand heben konnte, drehte sich Dr. Frymann zu mir um und sagte: „Sie da junger Mann mit dem weißen Pullover, kommen Sie her!“ Ich stieg also auf die Bühne, wohl wissend, dass ich dafür von meinen Lehrern später zur Rechenschaft gezogen werden würde.

Dr. Frymann wollte, dass ich meine Hand auf den Patienten lege und legte ihre Hand auf die meine. Ich spürte klar den Mechanismus, der der Lebensausdruck in unserem Organismus ist: stark, delikat und fein. Danach machte sie sich daran, die Gewebe auszugleichen. Unscheinbar leicht verstärkte sie die Präsenz ihrer Hand auf der meinen und eine Bewegung, eine Welle, ein Aufseufzen des Körpers war zu spüren. Was mich erstaunte, war, dass ich nun selber ein Teil dieses Phänomens geworden war. Ich war nicht mehr nur Zuschauer, sondern aktiv beteiligt. Dr. Frymann lächelte mit ihrem speziellen Lächeln, das schelmisch und zugleich fast zärtlich war. Sie lehrte mich in diesem Moment, dass unsere Präsenz wichtiger ist als die physische Stärke.

Später fand ich einen Text von Andrew T. Still, in dem er über die Wichtigkeit der Präsenz gegenüber dem Patienten sprach. Präsenz bezüglich was und wie der Patient lebt, um den Heilungsprozess in Gang zu setzen, den er persönlich auch „Mind“ oder auch die dynamische Kohärenz der Physiologie der Person selbst nannte. Dr. Frymann hatte diese Präsenz natürlich in sich. Als junger Osteopath habe ich in jenem Moment, als ich mit Ihr arbeiten durfte, dieses Phänomen verstanden.

Seit diesem Zeitpunkt habe ich, wann immer es möglich war, den Unterricht von Dr. Frymann verfolgt. Nach meinem Abschluss und frisch graduiert, bin ich nach La Jolla, Kalifornien, gegangen, um mit ihr in dem kleinen gelben Haus am Pazifik zu arbeiten. Ich habe assistiert und nach und nach mehr Verantwortung bekommen.

Es war faszinierend zu beobachten, wie wir zu zweit mit Hilfe des Volumens des Patienten kommunizieren konnten und dabei die Hindernisse beseitigen konnten, die der Rückkehr des Organismus in Richtung Normalität im Wege standen.

Am Ende meines Aufenthaltes bat mich Dr. Frymann sie zu behandeln. Ich war natürlich beeindruckt und hatte Angst etwas falsch zu machen. Letztendlich sagte ich mir aber, dass ich mein Bestes geben werde und Dr. Frymann mir vertraut. Nach der Behandlung setzte Dr. Frymann sich auf, rückte ihren geflochtenen Zopf zurecht und machte mir ein echtes Kompliment, indem sie mir direkt in die Augen schaute.

Von diesem Moment an sind wir nahe Freunde geworden. Sie war 38 Jahre lang mein Mentor und hat mich angespornt, als ich meine Forschungen über die Dynamik des Gehirns und speziell des dritten Ventrikels und auch die zerebrale Inertie nach Trauma oder Emotionen machte. Sie selber hat meine Methoden ausprobiert und mich ermutigt, weiter zu machen. Sie hat mich unterstützt, als ich 1981 das CEO in Montreal, 1991 das DOK in Deutschland und später weitere Osteopathieschulen in Kanada und in der Schweiz gegründet habe.

17 Jahre lang hat sie mich regelmäßig nach San Diego eingeladen, um die amerikanischen Osteopathen zu unterrichten. Sie selbst ist mehrfach nach Montreal und nach Deutschland zum Symposium des DOK auf die Fraueninsel gekommen, unter anderem zusammen mit Harold Magoun und Irvin Korr.

Wir haben häufig über das Leben und die Osteopathie diskutiert. Dabei habe ich erfahren, dass Dr. Frymann ursprünglich Balletttänzerin werden wollte. Aufgrund einer Beinverletzung und ihrem großen Bedürfnis Menschen zu helfen, hat sie aber dann zuerst in London und später an der Universität von Los Angeles, Kalifornien, Medizin studiert.

Sie hat sich immer dafür eingesetzt die traditionelle Osteopathie zu bewahren und hat dementsprechend Seminare auf der ganzen Welt gegeben. 1964 hat sie das erste Mal mit Thomas Schooley und Harold Magoun eine Konferenz über die Osteopathie in der Schädelsphäre abgehalten. Unter anderen waren auch Denis Brooks, Francis Peyralade und Bernard Barillion anwesend.

Ihr Engagement für Neugeborene und behinderte Kinder war bewundernswert. Obwohl sie nach außen häufig streng und undurchsichtig erschien, besaß sie ein enorm großes Herz. Davon ließ sie sich natürlich nichts anmerken, dafür war sie viel zu scheu. Sie war sehr fromm und las regelmäßig in der Bibel. Ihr Glaube an Gott war von einer einfachen, aber starken Hingabe.

Ich glaube, was uns wirklich näher gebracht hat, war eine große Spiritualität und zugleich ein Bedürfnis nach wissenschaftlicher Basis. Wissenschaft und Spiritualität waren für Dr. Frymann keine Gegensätze. Deshalb hat sie auch nie ihre eigenen osteopathischen Entdeckungen aufgegeben, selbst wenn diese noch nicht wissenschaftlich belegt waren.

Dr. Frymann besaß einen ausgeprägten Sinn für den Humor. Sie war Vegetarierin wie auch schon die letzten drei Generationen ihrer Familie. Ihr Lieblingsrestaurant war das „Good Earth“ mit einem enormen Buffet mit allerlei köstlichen Speisen und Salaten. Bei einem unserer Essen in besagtem Restaurant erzählte sie mir von ihrem Vater, einem Mann mit starkem Temperament. Dieser bestellte einst in einem Restaurant ein Linsengericht. Als der Kellner mit dem Gericht erschien, waren auf dem Teller auch Stücke von geräuchertem Speck. Dr. Frymanns Vater gab den Teller sofort zurück mit der Bemerkung: “Mein Herr nehmen Sie bitte meinen Teller zurück und entfernen Sie das tote Schwein von meinen Linsen!“ Dr. Frymann lachte genauso wie ihr Vater über die Situation.

In 38 Jahren habe ich Dr. Frymann niemals etwas Negatives über jemanden sagen hören. Sie hielt sich mit jeglichem negativen Kommentar zurück, egal um was und um wen es sich handelte. Ich wusste aber genau, was es hieß, wenn sie einfach nur schwieg, wenn ihr etwas oder jemand nicht gefiel. Wir waren diesbezüglich Komplizen, die keine Worte brauchen, ein Blick genügte.

Dr. Frymann war unter ihresgleichen anerkannt und geschätzt für ihre Bemühungen, die Werte und die Integrität der Osteopathie und auch die Ethik der Studenten und Osteopathen zu bewahren. Sie war eine Studentin von William Garner Sutherland und Thomas Schooley und hat sich sehr schnell der Behandlung von Säuglingen gewidmet. Sie hat Forschungsarbeit mit den Professoren Chépolvanikov und Moskalenko am Institut Chévénov in Sankt Petersburg betrieben. Am Ende ihres Lebens musste Viola Frymann gezwungenermaßen aufhören Kinder zu behandeln, da Sie zunehmend ihr Augenlicht verlor. Obwohl es sicherlich sehr schwer für sie war, hat sie sich nie beschwert.  

Im Januar 2013 kam sie zu einem Kurs, den ich in ihren Kinderzentrum gab, um Geld für ihre Stiftung „Promise Osteopathy to Children“ zu sammeln. Kaum war ich angekommen, wollte sie mich auch schon behandeln, als wäre es dringend. Ich habe natürlich ihr Angebot gerne angenommen, ohne  jedoch zu verstehen, warum es denn so drängte. Sie platzierte ihre Hände auf meinen Kopf, leicht aber präzise. Wir waren bald Teil einer großen Stille, der „Stillness“ und erreichten ein Gleichgewicht. Dr. Frymann hat mir erlaubt, etwas Spezielles und Wunderbares zu erleben. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir etwas Besonderes vermittelt, die Art und Weise auf vielen verschiedenen Niveaus zu arbeiten, um den tiefsten Bedürfnissen unseres Patienten zu entsprechen.

Dr. Frymann gab stets hervorragende Kurse mit vielen praktischen Anregungen, um die Kleinsten unter unseren Patienten erfolgreich zu behandeln. Sie unterrichtete das Essentielle mit praktischen Beispielen und palpatorischen Erfahrungen.

Sie arbeitete mit den universellen Kräften des Körpers ihrer Patienten, um die verschiedenen Läsionen in Richtung Normalität zu bringen.

Persönlich kann ich Dr. Frymann nie genug für all das danken, was sie mir im Laufe der Jahre vermittelt hat. Sie war mir stets ein gutes Vorbild und hat mich immer darin unterstützt ein guter Osteopath und Lehrer zu werden.

Ich möchte meine Hommage an sie mit einer Geschichte beenden.
Dr. Frymann hatte ein sterbendes Kind im Endstadium behandelt. Das Kind war sehr unruhig und aufgeregt. Mit ganzem Herzen und mit ihrer persönlichen Art zu behandeln hat Dr. Frymann es geschafft, das Kind zu beruhigen. Das Kind hat sich völlig entspannt und dann ist etwas Wunderbares passiert: Das Kind hat gelächelt und die Arme ins Leere ausgestreckt, so als würde jemand es erwarten und in die Arme schließen. Einige Augenblicke später starb das Kind in den Armen von Dr. Frymann.

Diese großartige Osteopathin hat ihr ganzes Leben der Osteopathie und der Anerkennung der Osteopathie als komplementäre und natürliche Medizin gewidmet.

Einmal hat sie gesagt: „Selbst wenn die Osteopathen eines Tages verschwinden, lebt die Osteopathie doch weiter, denn eines Tages wird jemand kommen, seine Hände auf den Körper von jemandem legt und eine Bewegung spüren… und alles fängt wieder von vorne an.“

Die Osteopathie existiert auch ohne uns und aus diesem Grund hat Andrew T. Still uns gesagt: „Keep it pure!“ Diese Devise hat Dr. Frymann von ganzem Herzen ihr gesamtes Leben lang gelebt.

 

Übersetzung: Guido Drerup, Montreal

 

 

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